Tolerant sein oder vergeben?


Sei tolerant. Wie habe ich diesen Anspruch auf mich oder uns Bus- und Tramfahrer verstanden? Da will jemand von mir, dass ich geduldig und rücksichtsvoll gegenüber einem Gesetzesbrecher (=Verbrecher?) sein soll. Also, jemand überquert bei roter Ampel die Strasse und ich muss wegen ihm abbremsen.
Okay, ich bin tolerant!

Andersherum sitzt die gleiche Person von vorhin bei mir drin und ich muss, weil ich tolerant bin, abbremsen. Überfahren darf ich ja niemanden! Dafür muss ich dann bei der roten Ampel anhalten. Hätte ich nicht abbremsen müssen, wäre ich im Genuss der grünen Welle gewesen.

Wie angenehm oder unangenehm dieses Bremsen und Anfahren war, sagt mir dann dieser Fahrgast, indem er vorne durchgeht und mir den Stinkefinger zeigt. Nun könnte ich ja meinerseits ausrasten und seinen Stinkefinger entsprechend kommentieren.

Mache ich nicht! Ich bin Christ! Ich segne ihn! Wenn ich aber gestresst bin, sage ich es meinem Herrn mit den Worten: „Jesus, Du siehst in mein Herz und kennst meine Gedanken. Du weisst, dieses A… möchte ich am liebsten erschiessen. Segne Du ihn, ich kann nicht!“
In dieser Situation beanspruche ich die Bibelstelle, wo geschrieben steht: „Gott, der Rache, Herr, Gott der Rache, strahle hervor! Erhebe dich, Richter der Erde, vergilt den Hochmütigen ihr Tun!“ (Elberfelder Bibel, Psalm 94, 1.2.) Oder: „Du sollst Dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen und sollst Deinen nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“ (Elberfelder Bibel, 3. Mose 19,18.)

Obwohl ich unterdessen schon weiter gefahren bin und mir vorstelle, mit was oder mit welcher Methode der Herr diesen Gesetzesbrecher bestraft (zum Beispiel er wird endlich überfahren und schwer verletzt oder sogar getötet), denke ich an seine Familie.
Was machen seine Angehörigen, wenn der Fehlbare plötzlich fehlt?
Plötzlich fehlt ein geliebter Mensch! Oder ist Schwerstbehindert. Oder im Koma!
Dann wird es mir schwer im Herz. Ich könnte fast weinen.
Seine Familie und seine Freunde verstehen es nicht, weil er für sie alle ein guter, liebenswerter Mensch war.
So ein ungerechter Gott, werden sie denken. Wenn später ein Christ sie zu bekehren versucht. Ja, nach so einem Erlebnis will niemand etwas von Gott und Jesus hören.
Ausser wenn man Trost sucht, wenn man solche Erlebnisse am Verarbeiten ist.

Bei diesen Gedankengängen erinnere ich mich dann endlich, dass Jesus auf der Erde wandelte und seither Gnadenzeit ist. Jesus kam nicht auf die Erde um uns zu richten, zu unterdrücken und mit dem Finger auf jeden einzelnen mit den Worten „Du bist ein Sünder“ zu zeigen. Sondern er hat uns vergeben! Er ist für unsere Sünden gestorben!
Wie kann ich da jemandem den Tod oder die Pest an den Hals wünschen?
Kann sich jemand vorstellen, wie schmerzhaft es ist, den Mitmenschen von seinen Krankheiten zu heilen und wenige Jahre später dafür verspottet und ausgepeitscht und gekreuzigt zu werden?
Deshalb kam mir der Gedanke, ich bin nicht tolerant, in Jesu Namen vergebe ich den Verbrechern im Strassenverkehr.