Missstände in der katholischen Kirche - sexueller Missbrauch!


Kapitel Jesus Christus
Seite 198 – 199

[…] Die Abwendung von der christlichen Religion, wie wir sie gegenwärtig in Europa so massiv erleben, hat vielerlei Ursachen. Dass jemand ausschließlich wegen zu hoher Beitragszahlungen die Kirche verlässt, ist von allen Gründen vielleicht einer der fadenscheinigsten. In der Regel ist die innere Abkehr vom Glauben lange schon vorbereitet. Wenn eklatantes Fehlverhalten, gerade von katholischen Priestern, den Weg in die Öffentlichkeit findet, wird dieses gerne als willkommene Ausstiegshilfe und entscheidender Anlass benützt, der Kirche – sogar ganz ohne Gewissensbisse! – den Rücken zu kehren.

Kein anderes Thema als das gestörte Verhältnis von Sexualität und Priestertum sowie der sexuelle Mißbrauch junger Menschen erbost das Kirchenvolk mehr als das Bekanntwerden solcher Skandale, die regelmäßig einen Austrittsboom nach sich ziehen (in Österreich zuletzt passiert anlässlich der Vorkommnisse im St. Pöltener Priesterseminar, die der katholischen Kirche immensen Schaden zugefügt haben. Ähnlich ist die Lage in Deutschland. Laut einer Schätzung im Jahre 2005 haben etwa 25 Prozent aller deutschen katholischen Priester homosexuelle Neigungen).

Wer hätte gedacht, dass die katholische Kirche einmal in die Situation geraten würde, zur Absicherung von Schadensersatzzahlungen an die Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester, eine eigene Versicherungsgesellschaft beauftragen zu müssen. So geschehen in Irland, wo dieses Problem dermaßen ausuferte, dass alle irischen Diözesen zwischen 1986 und 1990 angewiesen wurden, der Versicherung „Church & General“ beizutreten. Wenig später hatte sich die irische Bischofskonferenz dazu durchgerungen, das Wohl junger Menschen ausdrücklich über die Interessen der Kirche zu stellen und damit einem bis dahin geübten Vertuschen sexueller Missbräuche einen Riegel vorzuschieben.

Völlig der Vorstellungskraft von Christen entzieht sich der sexuelle Missbrauch von hunderten Jugendlichen in der US-Diözese von Covington im Bundesstaat Kentucky, die über Jahrzehnte hinweg von Priestern mißbraucht wurden, was der katholischen Kirche eine Sammelklage und Entschädigungszahlungen von 120 Millionen Dollar eingebracht hat.

Die ansonsten sehr klare Verurteilung der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Sexualgewohnheiten durch den Papst und die Bischöfe – der Begriff Sexualmoral ist ja längst aus der Mode gekommen – lässt schon einmal die Frage aufkommen, wie es denn die Kirche mit ihren schwer sündig gewordenen Priestern hält, wenn sich diese außer Stande sehen, ein zölibatäres Leben zu führen. Gemeint sind hier nicht die vom Kirchenrecht vorgesehenen Maßnahmen wie Versetzungen oder Suspendierungen, sondern die mit der Zelebrierung der Messfeier verbundene Konsekration und der Empfang der Eucharistie ohne vorausgegangene Beichte.

Wenn sich die katholische Moraltheologie ein gewisses Maß an Realitätssinn bewahrt hat, kann, nein, muss sie davon ausgehen, dass in aller Welt viele Messen nicht im Stande der Gnade zelebriert werden. In den wenigsten Fällen werden nicht zölibatär lebende Priester die Gelegenheit haben (oder gar nicht wahrnehmen wollen) ihre Beichte nachzuholen. In dieser Situation stehen Priester – durchaus vergleichbar mit den wiederverheiratet Geschiedenen – vor demselben Problem, ohne Freisein von Todsünde die Eucharistie unwürdig zu empfangen. Roma locuta? Der katholischen Öffentlichkeit ist eine päpstliche Entscheidung in dieser sicher sehr bedeutsamen Frage bisher verborgen geblieben.

Sowohl der Klerus als auch das Volk der Gläubigen sind Teil einer Gesellschaft, für die die Sinai-Gebote oft nur mehr marginale Bedeutung haben. Wenn es der eigenen Person von Nutzen ist, werden die Gebote Gottes ohne viel Federlesen übertreten. „Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen,“ hieß es früher einmal. Heute schlafen die meisten mit einem stumpf gewordenen Gewissen auch nicht um vieles schlechter. Zweitausend Jahre quält sich schon die christliche Morallehre damit, über den Weg eines sittlich geordneten Zusammenlebens, die Menschen zu einem besseren Gottesverständnis zu führen. Wie es den Anschein hat, ein vergebliches Bemühen. Christlicher Glaube und eine christliche Lebensführung lassen sich leider nicht vererben. So ist jede Generation gefordert, ihre eigenen „Arbeiter“ in den Weinberg des Herrn zu schicken (Mt. 20,1-16). „Die Kirche ist kein Klub der Reinen,“ beteuerte einst Kardinal Ratzinger, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Kein Klub der Reinen sind aber auch große Teile der Priesterschaft, die mit den Gläubigen zusammen die Kirche Gottes bilden. Das Versagen beider ist letztlich einer der Gründe, weshalb die Botschaft Jesu ihre Aktualität nie verlieren wird. […]

Lichtkreise - Provokationen christlichen Denkens
v. E. Bamberger