Geistliche Disziplin


Geistliche Disziplin

Peter liest Bibel - jeden Tag. Immer morgens um sieben sitzt er verschlafen am Frühstückstisch, löffelt sein Müesli und liest die aktuelle Losung. Er springt auf, stellt das Geschirr ins Waschbecken und geht zum Auto. Auf dem Weg zur Arbeit betet er - 15 Minuten, jeden Tag. Natürlich geht Peter auch in die Gemeinde und gelegentlich zur Bibelstunde. Das tut man ja als guter Christ. Und das ist Peter wirlich: ein guter Christ, der seinen Zehnten gibt, im Gottesdienst ist und alles tut, was man von ihm erwartet.

 

Manchmal denkt Peter sich: "das macht doch alles keinen Spass. Was bringt es, dieses ganze Bibellesen, beten und Zehnten geben?" Manchmal träumt er heimlich davon einfach mal fünfe gerade sein zu lassen und sich hängenzulassen - wie Elisabeth Wenn man Peter beobachtet hat man nicht den Eindruck, dass sein Christsein besonders ansteckend wäre oder dass er besonders nahe an Gott wäre. Trotz aller geistlichen Disziplin in seinem Leben wirkt er wie ein harter, zur Bitterkeit neigender Weltmensch und je älter er wird, umso ungnädiger wird er gegen jeden, der nicht "sein Kreuz auf sich nimmt" und Jesus so nachfolgt wie es Peter für richtig hält.

 

Elisabeth liest kaum Bibel. Sie betet nur vor ihren Prüfungen und wenn in der Gemeinde gerade Gebetsabend ist. Sie geht lieber auf Parties und macht alles, was ihr Spass ist. Wenn man sie in einer sentimentalen Laune ist (wie manchmal wenn sie ein Bier zu viel getrunken hat) gibt sie zu, dass sie sich ihr Leben mit Jesus anders vorgestellt hat. Am Anfang, in den ersten Wochen nach ihrer Bekehrung - da hatte Elisabeth noch Schmetterlinge im Bauch und sie tat alles um mit Jesus zusammen zu sein. Aber als der Alltag einkehrte wurde alles immer schwieriger.

 

Ein Andachtsbuch nach dem anderen ist auf dem Nachttisch verstaubt, ein Gebetskalender nach dem selbigen gekauft und wieder verworfen wordenElisabeth hat schon fast jedes angesagte Seminar besucht in dem es um geistliche Disziplin ging, aber sie hat es einfach nicht geschafft durchzuhalten. Immer war etwas anderes wichtiger, bunter, schöner, lustiger oder einfach interessanter. Immer wieder hat der innere Schweinehund gewonnen und Elisabeth mit einer ganzen Menge Schuldgefühle zurückgelassen, dass sie nicht so diszipliniert sein kann wie andere - z.B. Peter

 

Ich habe schon mit vielen Peter Elisabeth geredet und mein Eindruck ist, dass Disziplin das Joch der meisten Christen ist, die es wirklich ernst mit Jesus meinen. Es gibt eine Bibelstelle, in der Jesus selber über Peter und Elisabeth redet und sie warnt: Gebt acht, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! (Matthäus 16,6). Sauerteig durchsäuert das ganze Brot, man braucht nur ganz wenig um eine grosse Menge Brotteig zu durchsäuern. Ebenso gibt es zwei Dinge vor denen wir uns geistlich echt hüten müssen, denn sie machen alles kaputt: Gesetzlichkeit und Weltlichkeit. Die Pharisäer, als Männer des Gesetzes, stehen hier für Gesetzlichkeit; die Sadduzäer, eine jüdische Sekte die mit der römischen Besatzungsmacht kollaborierte und nicht an ein Leben nach dem Tod glaubten, stehen für Weltlichkeit.

 

Peter ist ein Mann, der es ernst meint mit Jesus und alles tut, was gut und richtig ist. Aber tief in seinem Herzen wohnt eine Lüge. Er würde es sich selbst nicht eingestehen und wahrscheinlich weiss er es nicht einmal, aber etwas in ihm treibt ihn aus Pflichterfüllung in die Dispziplin. Er will seinem Herrn gefallen und bemüht sich alles richtig zu machen. Er kennt den Herrn Jesus, aber er kennt nicht den liebenden Erlöser der sein Freund sein will. Ich bin davon überzeugt, dass Jesus jeden Tag neben ihm am Früchstückstisch sitzt und versucht den Panzer um Peter? Herz zu durchbrechen und ihm ins Ohr zu flüstern: "ich liebe Dich, Du musst mich nicht beeindrucken, ich bin schon beeindruckt."

 

Elisabeth auf der anderen Seite hat erkannt, dass sie es nicht aus eigener Kraft schafft und hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Irgendwann hat sie aufgehört es zu versuchen und lebt ihr geistliches Leben auf Sparflamme. Sie weiss dass sie errettet ist, vielleicht betet sie sogar ab und an in neuen Sprachen. Aber tief in ihrem Herzen hat auch sie eine Lüge geglaubt: "ein erfülltes Glaubensleben ist für die anderen da. Aber Du wirst es nie schaffen."

 

"Disziplin ist die niedrigste Stufe der Jüngerschaft", so habe ich es einmal in einer Predigt gehört, und wusste sofort, was gemeint ist. Wenn wir nur beten und Bibel lesen weil es zum Christsein dazu gehört, dann ist es schon vorprogrammiert, dass wir an der Disziplin zerbrechen. Die einen hören frustriert auf, die anderen machen bitter weiter. Reine Disziplin hat wenig mit Spiritualität zu tun, sie ist nur ein fleischlicher, menschlicher Abklatsch von etwas heiligem mit dem Gott uns segnen möchte. Ein Leben der Hingabe, das Aussenstehenden als diszipliniert erscheint, ist ein Leben der konstanten Suche nach Gott. Es ist ein Leben, das auf einem Fundament der Liebe zu Jesus steht.

 

Ich bin jetzt vierzehn Jahre Christ. Die meiste Zeit meines Lebens mit Jesus habe ich jeden Tag eine Stunde lang Zeit mit Gott verbracht. Die Methoden haben sich immer wieder geändert: am Anfang war es fast nur beten. Später kamen asugedehnte Zeiten des Sprachenbetens dazu, dann Anbetung, später Wortstudium.

 

Natürlich gab es Zeiten in denen ich keinen Bock hatte und mich zum beten zwingen musste weil ich wusste, dass es gut ist, nicht aus der Übung zu kommen. Aber es gab auch immer wieder Zeiten in denen meine Sehnsucht nach Gott so gross war, dass eine Stunde nicht reichte und ich alles tat um mehr Zeit mit Gott zu verbringen.

 

Der Schlüssel zu einem spirituellen Leben ist nicht die Erfüllung einer religiösen Pflicht sondern Liebe zu Jesus und die Sehnsucht bei ihm sein zu wollen. Das, was uns auf Dauer abhält sind hohle religiöse Übungen, eine Form der Gottseligkeit aber ohne Kraft (2.Timotheus 3,5). Alles, was wir geistlich machen darf niemals ein Selbstzweck sein sondern muss drauf ausgerichtet sein Jesus zu begegnen und ihn besser kennen zu lernen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der Schlüssel zu einem "disziplinierten Leben" nicht darin besteht sich auf Dauer zu zwingen (auch wenn das immer wieder mal sein muss) sondern in der Sehnsucht nach Gott. Wessen grösster Wunsch es ist eine intime Beziehung mit dem Heiligen Geist zu führen, der wird Wege finden wie er sich regelmässig Freiräume dazu verschaffen kann.

 

So ende ich mit einer Empfehlung:

wenn Du immer schon Probleme mit geistlicher Dinsziplin hattest, mach keine weiteren Anläufe sondern denk darüber nach. was Jesus Dir bedeutet. Rede mit anderen darüber, lass für Dich beten und bitte Gott darum Dir zu zeigen, wer er ist. Das wird auf Dauer Sehnsucht freisetzen die zu einer Spiritualität führt, die weit über blosse Disziplin hinausgeht!